Der Südtiroler Gitarrenbauer Thom Orgler begutachtet eine Fichte in einem verschneiten Wald, um das passende Tonholz für seine handgefertigten Gitarren auszuwählen.

Vom Wald in die Zukunft: Die Suche nach dem perfekten Baum

Die Suche nach dem perfekten Baum ist alles andere als einfach. Bei diesem anspruchsvollen Auswahlprozess spielen viele verschiedene Faktoren eine entscheidende Rolle. Grundsätzlich müssen die Bäume ein Alter von mindestens 200 Jahren erreicht haben. Um so alt zu werden und über einen derart langen Zeitraum gesund zu bleiben, sollten sie in einer Höhenlage von rund 1.400 Metern über dem Meeresspiegel wachsen.

Der Latemarwald an den Nordhängen des Latemarmassivs in Südtirol gilt als einer der schönsten Fichtenwälder Europas. Auf kalkhaltigen Böden in Höhenlagen zwischen 1.400 und 2.100 Metern finden die Fichten dank reichlicher Niederschläge und kurzer Vegetationsperioden ideale Wachstumsbedingungen. Die Bäume stehen häufig an Nord- und Nordwesthängen. Während das Gelände in den tieferen Lagen noch relativ flach ist, wird es weiter oben zunehmend steiler und ist von Schluchten und Lawinenbahnen durchzogen. Unter diesen Bedingungen können die Fichten bis zu 45 Meter hoch und zwischen 200 und 260 Jahre alt werden.

Diese besonderen Standortbedingungen begünstigen einen bemerkenswert geraden und gleichmäßigen Wuchs mit engen Jahresringen, die das Holz besonders begehrt machen. Als besonders wertvoll gilt die sogenannte Haselfichte, die im Instrumentenbau seit Langem für ihre einzigartigen klanglichen und optischen Eigenschaften geschätzt wird.

Idealerweise wächst der ausgewählte Baum auf etwas flacherem Gelände, wo sich eine konzentrische und gleichmäßige Stammstruktur entwickeln kann. Deutliche Anzeichen von Drehwuchs hingegen sind bereits ein Ausschlusskriterium.

Neben diesen objektiven Kriterien spielt bei meiner Auswahl immer auch eine gewisse Intuition eine Rolle. Obwohl ein erhebliches Restrisiko bleibt – schließlich lässt sich die tatsächliche Qualität des Holzes erst nach der Fällung und dem anschließenden Aufsägen beurteilen –, leitet mich dieses Gespür zu jenen Bäumen, die das größte Potenzial haben, eines Tages zu außergewöhnlichen Instrumenten zu werden.

Ein Gitarrist spielt eine Thom Orgler Latemar Akustikgitarre (PU-Hochglanzfinish, Smokegrain) im Freien in den Dolomiten. Mit geschlossenen Augen genießt er sein Spiel.

A Late Summer Dream: Das Making-of

Das Video entstand in den frühen Morgenstunden am Fuße des Latemarmassivs. Eine feine Reifschicht überzog die Landschaft, während das sanfte Licht der Morgendämmerung den Wald in eine schimmernde, beinahe magische Kulisse verwandelte.

Ein Arbeiter im Sägewerk misst und richtet auf dem Förderband einen mit Reif bedeckten Fichtenstamm aus, um daraus Tonholz im Viertelschnitt für Gitarren zu schneiden.

Möglichkeiten formen: Die Arbeit im Sägewerk

Die Entscheidung, wo der erste Schnitt gesetzt wird, ist ein entscheidender und spannender Moment. Er bestimmt den Verlauf des gesamten Sägeprozesses und erfordert höchste Konzentration und Präzision.

Ein Förster setzt mit der Motorsäge den ersten Schnitt an einen Fichtenstamm – kontrollierte winterliche Holzernte für Tonholz, während im Südtiroler Wald Sägespäne durch die Luft fliegen.

Die Kunst des ersten Schnitts: Die Fällung des Baumes

Es war der 27. Dezember, drei Tage vor Neumond – ein klarer, kalter Wintertag, perfekt für das, was uns bevorstand. Alle warteten gespannt auf den Moment, in dem die Motorsäge zum ersten Mal aufheulen würde.